Liebe Teilnehmer der Tagung in Ljubljana, liebe IAH-Mitglieder,
in Ljubljana wurde der Wunsch geäußert, die von mir in der Schlussrunde eingebrachten zehn Thesen auf die Homepage der IAH zu stellen. Der IAH-Vorstand hat sich diesem Wunsch angeschlossen. Obgleich die Thesen nur ein Diskussionsbeitrag, also nicht ausgereift, nicht druckfertig sind, gebe ich sie unverändert nach meinem Manuskript wieder, und bitte darum, sie nicht zu missbrauchen.
1. Identität besteht immer aus einem Eigenen, das man miteinander teilt, und einem Fremden oder Anderen, von dem man sich abstößt. Es gibt keine Identität ohne Alterität, keine Identitätserfahrung ohne "Feindbild".
2. Starke kollektive Identität entsteht durch starke Alteritäten. Slowenien hat als starke Alterität das ehemalige Jugoslawien, die Afrikaans sprechenden Südafrikaner haben als Alterität die schwarzafrikanische Bevölkerungsmehrheit. Generell entwickeln von Mehrheiten bedrohte Minderheiten entweder eine starke kollektive Identität oder sie assimilieren sich der Mehrheit und verlieren ihre Identität.
3. Schwache Identität entsteht beim Mangel an Alteritäten/Feindbildern. Das liberalisierte Wohlstandschristentum der EU-Länder ist identitätsschwach, weil es von niemandem bekämpft wird und sich weder von Türken noch von Atheisten noch von Kommunisten bedroht fühlt. Als Katholiken und Protestanten noch gegeneinander standen, waren sie identitätsstärker und kulturell produktiver als heute. Ein Paradox: Ökumene ist Identitätsverlust, wenn sie nicht starke neue Alteritäten findet.
4. Identität bestätigt sich selbst durch Identitätssymbole und schiebt der Feindseite Alteritätssymbole zu.
5. Das Kirchenlied kann ein solches Identitätssymbol sein. In Deutschland ist es das nur noch für kleine Gruppen, denen als Alteritätssymbol der musikalische Massenkonsum, der nicht mehr selber singt, dienen kann.
6. Das Eigene erfährt sich als different vom Fremden. Der Aufenthalt im katholischen Slowenien hat den nichtkatholischen Nichtslowenen eine starke Erfahrung von Identität und Konfessionalität eingebracht. Beim Hören der slowenischen Lieder wird der deutsche, holländische oder skandinavische Protestant sich seines ganz anderen, auf die Psalmen und auf das 16. Jahrhundert gegründeten Kirchenliedverständnisses bewusst. Auch Maria als slowenisch-katholisches Identitätssymbol ist für die protestantische Tradition nach wie vor eine Alterität, fast ein Exotismus.
7. Je stärker die Identität, desto schwächer die Reflexion der Identität (und umgekehrt). Die deutschen Intellektuellen reflektieren ihre ehemaligen Identitätssymbole, weil sie ihnen durch die Hitlerzeit genommen wurden. Selbst wenn die deutschen Kirchenlieder noch schöner wären als die slowenischen, würde ein deutscher Intellektueller das nicht sagen. Der unbefangene Stolz der Slowenen auf ihr Land macht ihr Singen innig, aber die slowenischen Referate dieser Tagung haben diesen Zusammenhang nicht thematisiert. Für die Deutschen ist das Thema "Kirchenlied und nationale Identität" ein Thema, das dazu auffordert, einen problematischen Zusammenhang kritisch zu hinterfragen, während schon die Begrüßung zeigte, dass man in Slowenien nicht Kritik, sondern Affirmation von diesem Kongress erwartet.
8. Maria, Königin der Ungarn, der Kroaten, der Slowenen, der Bayern und der Franken... Ein feste Burg ist unser Gott..., das singen verfeindete Gruppen, Gott jeweils für sich reklamierend. Die Tagung zeigte viele Beispiele für die erschreckende Indienstnahme der christlichen Religion für weltliche Zwecke. Gott aber ist immer auch der Gott unserer Feinde, Maria immer auch die Gottesmutter unserer Feinde. Das wahre Israel, das Gottesvolk, hat keine nationalen Grenzen.
9. Wo Identität bewusst wird, ist sie schon bedroht. Der erste Färöer, der das Singen der Färöer auf Tonband aufnimmt, ist schon kein ganzer Färöer mehr. Eine Kultur, die nicht mehr naiv (im guten Sinne) und reflexionslos das Leben eines Volkes bestimmt, sondern sich selbst erkennt, wird rousseauisiert, romantisiert, folklorisiert, hybridisiert und ästhetisiert. Slowenien ist auf dem Weg zu dieser Hybridisierung, da seine Alterität verblassen wird. Die EU wird alle alten Nationalkulturen mehr oder weniger hybridisieren.
10. Eine "naive", "natürliche" Christlichkeit gibt es in EU-Europa immer weniger. Was kommt, ist ein postmodernes Christentum, das seine Riten inszeniert und seine Identität plant. Identität wird geplant, wenn sie nicht mehr von sich aus da ist. Das Evangelische Gesangbuch von Bayern, Thüringen und Baden-Württemberg wurde von einer Werbeagentur gestaltet. Das ist, am Gesangbuch als eines traditionell hochrangigen Identitätssymbols exerziert, Identitätsplanung. Das Inszenierte, Gespielte, Gemachte, Ästhetische der Religiosität wird zunehmen, das Existentielle wird abnehmen. Die Lieder werden Kunstwerke sein, weniger Glaubenszeugnisse.
Mainz, den 15. August 2001 Hermann Kurzke